Was zum Geier ist mit Horror eigentlich gemeint?

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Mit Horror ist das so eine Sache. Jeder weiß, dass es um Dinge geht, die einem an die Nieren gehen, die verdammt unangenehm sein können und schon mal dazu führen, dass man die Hände schützend vors Gesicht hält. Eine kurze Suche auf Google liefert folgende wenig aussagekräftige Ergebnisse: „Aus Erfahrung geborener Schrecken“ oder „Zustand, der durch etwas Erschreckendes hervorgerufen wird“. Das sind unbefriedigende Allgemeinplätze, die im Grunde genommen nur das Offensichtliche aussprechen. So wundert es nicht, dass die Frage nach der persönlichen Bedeutung von Horror immer wieder auftaucht, entweder in persönlichen Gesprächen, in Literatur- oder Filmforen, Interviews und etwas seltener in Artikeln. Und immer ist die Bandbreite an Meinungen, Erklärungen und Überzeugungen so zahlreich und bunt wie eine blühende Blumenwiese im Frühling. Die einen argumentieren, dass ein übernatürliches Element zwingend erforderlich ist. Andere sind überzeugt, dass es ganz einfach um Dinge geht, die Angst in uns erzeugen und uns mit den dunkelsten, abartigsten Seiten des Lebens konfrontieren. Und wieder andere beharren darauf, dass nur ein exzessives Blutvergießen die Bezeichnung „Horror“ tragen darf.

Seit Jahren kommen und gehen Momente, in denen mich diese Frage ebenfalls beschäftigt, obwohl ich einengende Schubladen wie Komödie, Thriller oder eben Horror gar nicht mag. Eine einfache Antwort indes fand ich nie. Trotzdem will ich in diesem Essay versuchen, meine persönliche Definition aufs virtuelle Papier zu bringen. Wer weiß … vielleicht überrasche ich mich ja selbst mit ein paar neuen Erkenntnissen.

Ausschlaggebend für mein aktuelles Sinnieren über die Bedeutung von Horror ist der Tod meines Vaters vor ein paar Tagen und sein langjähriger, unsagbar schmerzhafter Kampf gegen den Krebs. Wie intensiv und traurig ein solcher Kampf (viel passender: Realhorror) ebenfalls für die Familienangehörigen ist, versteht wohl jeder, der Ähnliches schon erlebt hat. Um eine Definition zu finden, macht es also möglicherweise Sinn, mir erst einmal Gedanken zu den Dingen zu machen, denen das Prädikat „Horror“ im Allgemeinen zugeschrieben wird. Auf der einen Seite finden sich Erzeugnisse der Kunst, des lustvollen Spielens mit grimmigen Ideen, während auf der anderen die finsteren Seiten des ganz gewöhnlichen Alltags auf unserem kleinen, blauen Planeten stehen.

In Bezug auf Filme, Romane, Hörspiele und andere Arten der Formgebung gibt es eine erstaunliche Menge an Spielplätzen, auf denen gespielt wird. Im Folgenden will ich einige dieser Plätze aufzeigen, die mir gerade spontan einfallen, zudem gibt es viele Fälle, in denen die Grenzen verschwinden. Die Aufzählung ist daher alles andere als komplett. Auch werde ich nicht tief in die einzelnen Subgenres eintauchen um sie zu analysieren, denn das würde den Rahmen dieses Artikels bei Weitem sprengen.

Da hätten wir beispielsweise die klassische, oftmals von christlichen Motiven geprägte Geistergeschichte, die auch im 21. Jahrhundert noch immer beliebt ist. Vermutlich bietet die zugrunde liegende Unterteilung in gute und böse Kräfte eine Form von Sicherheit im Angesicht einer Bedrohung. Entweder steht man auf der einen oder der anderen Seite – ein kompliziertes Dazwischen gibt es nicht. Die wiederkehrenden Rache-, Sühne- oder Erlösungsmotive bieten einen kulturell vertrauten Boden, auf dem man sich nicht gänzlich verlieren kann. Ich konnte wegen ihrer Vorhersehbarkeit nie viel mit der europäischen oder amerikanischen Geistergeschichte anfangen, allerdings liebe ich die japanische Variante, die so erfolgreich im Film „Ringu“ von Regisseur Hideo Nakata dargestellt wird. Zahlreiche asiatische Kopien dieses Meisterwerks haben leider ziemlich ernüchternd aufgezeigt, dass die Grenzen der Kreativität auch hier furchtbar schnell erreicht sind.

Während Geister meist eine spirituelle Bedrohung darstellen, geht es im Slashergenre weitaus körperlicher zu und her. Obwohl der Slasher wahrscheinlich nie wieder die Erfolge der 80er Jahre erreichen wird, gehört er zum regelmäßigen Gast im Horrorzirkus. Maskierte Mörder, das genüssliche Abschlachten einer Gruppe junger Leute, das Rätseln nach der Identität des oder der bösen Buben, Verfolgungsjagden in finsteren Wäldern, vorehelicher Sex, der bestraft werden muss, markante Mordinstrumente, die Jungfrau, die als einzige überlebt … So vielfältig die Werkzeuge in diesem Sandkasten auf den ersten Blick erscheinen, werden die geltenden Regeln viel zu oft mit religiösem Eifer eingehalten. Als Teenager hatte ich in den 80er Jahren eine Menge Spaß mit „Freitag der 13.“ und all den Ablegern. Als Erwachsener jedoch langweilen sie mich. Heutzutage erachte ich diejenigen Slasher als erfolgreich, die mit Konventionen spielen und Überraschungen auf Lager haben. Oft sind es kleine Veränderungen, die ein ganz anderes Erlebnis erzeugen, wie Adam Wingard in seinem Film „You’re next“ beweist. Er verändert die Dynamiken der Charaktere, und das nimmt dem Film die Vorhersehbarkeit, macht ihn frisch.

Ebenfalls im Hier und Jetzt angesiedelt sorgt Tierhorror dafür, dass wir uns beim Schwimmen oder einem Spaziergang im Wald beim leisesten Geräusch, dessen Ursprung wir nicht gleich identifizieren können, besorgt nach dem gesichtslosen Erzeuger umsehen. „Der weiße Hai“ vermiest seit Jahren Jung und Alt die Freude am Meer, „Backcountry“ macht deutlich, dass die leidenschaftliche Umarmung eines Bären ungesund ist, während der Roman „Cujo“ von Stephen King unmissverständlich erklärt, dass mit tollwütigen Hunden nicht gut Kirschen essen ist. In richtig gut gelungenen Fällen des Tierhorrors wird die Natur zum existenzialistischen Spiegel, in dem Protagonisten (sowie Leser bzw. Zuschauer) etwas über sich selbst erfahren können.

Kommen wir zu zwei meiner persönlichen Favoriten: Bodyhorror und psychologischer Horror. Im Grunde genommen handelt es sich hierbei um die beiden Seiten der selben Münze. Sie erzeugen Angst vor unserem eigenen mutierenden, sich verändernden Körper oder eben Geist, dem wir nicht länger trauen können. Was gibt es schon Schlimmeres, als wenn wir uns vor uns selbst fürchten müssen, weil wir nicht länger die volle Kontrolle über unser Denken und Handeln haben und unserer Wahrnehmung nicht länger trauen können? Was, wenn wir nicht mehr als Zuschauer in unserem eigenen Kopf sind? Lang leben Schaffende wie David Cronenberg, David Lynch und Shin’ya Tsukamoto. Ihr habt mir viele grauenerregende, tiefgründige Alpträume beschert.

Oftmals etwas weniger tiefgründig geht es im Reich der Monster zu und her. Klassiker wie Dracula und Frankenstein kennen wohl viele aus unzähligen Variationen. Was den Einfallsreichtum der Schaffenden in diesem Subgenre betrifft, kennt die Fantasie aber wahrlich keine Grenzen. Durch Radioaktivität erzeugte Zombies, schuppige Kreaturen der Tiefsee, mutierte Tiere oder Menschen, außerirdisches Sternengezücht auf Nahrungssuche, Godzilla und King Kong, tentakelbewehrte, sabbernde Wüstlinge, die Zenobiten von Clive Barker, aus Laboren ausgebüxte Mutanten mit Lust auf Frischfleisch und so viele mehr machen die Leben gewöhnlicher Bürger zuweilen unerträglich. Mit Monstern im weitesten Sinne habe ich meist viel Spaß, aber es braucht schon Jahrhundertwerke wie „Hellraiser“ oder „Alien“, damit ich mich zu fürchten beginne.

Der Autor H. P. Lovecraft schuf mit seinem literarischen Werk vor über 100 Jahren das Subgenre des kosmischen Horrors, dem der Mensch nichts entgegenzusetzen hat. Die Protagonisten werden in Lovecrafts Geschichten zu bloßen Zeugen mit nur scheinbaren Handlungsmöglichkeiten reduziert. Sie verfallen langsam aber sicher dem Wahnsinn, während sie ein entdecktes Mysterium zu verstehen versuchen. Das Grauen aus einer anderen Welt ist für Menschen nicht verständlich, es fehlen durchschaubare Motivationen und Absichten, und so gebiert totales Unverständnis Horror, nackten Wahnsinn und schließlich Tod. Während ich H. P. Lovecrafts Schreibstil und seine Charaktere nicht wirklich mag, fasziniert mich das Konzept seines Werkes ungemein. Wie eine geschätzte Million literarische und filmische Ableger bis zum heutigen Tag zeigen, geht es vielen anderen kreativen Köpfen genauso, die sich den kosmischen Horror als Spielplatz ausgesucht haben. Zumindest für eine Weile, bis sie ihre eigene Stimme finden.

Nun beenden wir unseren Ausflug in die Weiten des Kosmos, kehren zurück und landen in den dunklen, feuchten Kellern des Tortureporn. Ein Subgenre, das Folter, Ekel und eine oftmals misogyne Grundhaltung zu meist nichts anderem als reinem Selbstzweck zelebriert. Ich kann verstehen, dass es sich wie ein Härtetest anfühlen mag, sich mit einem solchen Werk zu befassen. Aber wenn ich Meinungen lese, in denen Käufer ein Buch „geil“ finden, weil Frauen gefoltert und dann zerstückelt werden, dann kommt bei mir die eine oder andere Frage auf. Ist das alles, was das Buch oder der Film bietet? Oder ist der Leser bzw. Zuschauer nur empfänglich für Grobschlächtigkeiten und hat die Story nicht verstanden? Ist da überhaupt eine Geschichte? Und was bitteschön hat das noch mit Kunst zu tun? Wird hier ein Medium nur noch missbraucht, um die niedersten Triebe zu befriedigen und Geld damit zu verdienen, weil es gerade en vogue ist? Falls ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe: Meiner Meinung nach sollte man die Erschaffer solchen Schrotts in ihre eigenen Geschichten stecken und dort vergessen.

Über all diesen fiktiven, erdachten Welten steht das, was wir gemeinhin als Realität oder das echte Leben bezeichnen. Und auch hier finden sich Geschehnisse und Dinge, die wir ohne auch nur eine Sekunde zu zögern als nackten Horror bezeichnen. Kriege, Hungersnot, weltweite Pandemien (wie aktuell die Covid-19 Krise), schwere körperliche und geistige Krankheiten, der Tod von geliebten Personen, unsere persönlichen Ängste, Arbeitslosigkeit und so vieles mehr, das uns schweißtreibendes Grauen beschert. Wo finden sich Schnittpunkte zwischen der Realität und den Erzeugnissen von Bildhauern, Autoren, Regisseuren und Malern? Schließlich muss es solche geben, denn das Leben beeinflusst die Kunst und diese wiederum das Leben. Wo begegnen sich Schein und Sein? Und verbirgt sich hier irgendwo eine Antwort auf die Frage, was Horror nun wirklich ist?

An dieser Stelle ließ ich das Essay einige Tage liegen, weil mir einfach nichts einfallen wollte, das mir genügend interessant erschien, um es aufzuschreiben. Aber heute Abend, während ich den Text abermals las, dazu eine Pizza Piccante aß und nachdachte, fiel der Groschen endlich.

Reduziert man die Subgenres sowie den realen Horror auf ihre innerste Essenz, so stößt man unweigerlich (etwas pragmatisch ausgedrückt) auf Reise und Krieg – wie bei Homers „Odyssee“ und „Illias“. Ein langer, harter Weg muss beschritten, eine unmögliche Schlacht geschlagen werden. Es geht also um Veränderung, genauer: um eine unkontrollierbar erscheinende Veränderung, die uns aufgezwungen wird und die unser Leben bedroht. Und weil wir uns beim Lesen bzw. Filme gucken in der Handlung oder den Charakteren gespiegelt sehen, erleben wir beim Genuss dieser Medien die Sinneseindrücke von Horror. Der Mensch liebt stabile Zustände, sie bedeuten Sicherheit, Gesundheit, Leben. Nimmt man ihm die Stabilität und bedroht damit seine Existenz, dann entsteht das Gefühl, das wir so leichtfertig als Horror bezeichnen. Es ist die Notwendigkeit, auch im Angesicht des tiefsten aller Abgründe weitermachen zu müssen. Es ist nichts anderes als eine Liebeserklärung an das Leben, an die Natur, an den Zustand des Seins im ständig drohenden Angesicht des Nichtseins.

Horror … was für ein unglücklicher Begriff. Einerseits umfasst er viel zu viele Dinge, ist andererseits auch abhängig von der Person, die ihn erlebt oder eben nicht erlebt. Nicht jeder fürchtet sich vor den gleichen Dingen. Was wir erleben, welche Proben wir meistern oder wo im Leben wir scheitern … all das prägt uns, gibt oder nimmt uns Sicherheit in allen möglichen Situationen. In jeder Sekunde verändern wir uns, ob wir das nun wollen oder nicht. Um wirklich sinnvolle Diskussionen über Romane, Filme, Hörspiele, Bilder oder das Leben selbst zu führen, müssen wir uns von so unpräzisen Begriffen wie „Horror“ lösen und anders zu kommunizieren beginnen. Wir können das. Ich weiß es. Und jetzt ist fertig lustig! Ich will mein Dessert. Gute Nacht euch allen.

Der Werwolf ist gelandet

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Heute in aller Kürze: Meine Werwolf-Interview-Geschichte „Wolf wer?“ wird dieses Jahr in „Zwielicht 14“ erscheinen. Bis jetzt ist noch nicht klar, welche anderen Autoren in der von Michael Schmidt herausgegebenen Anthologie vertreten sein werden. Auch gibt es noch kein Titelbild oder einen exakten Erscheinungstermin. Sobald ich diesbezüglich mehr Infos beisammen habe, werde ich sie mit Freude hier kundtun. Bis bald, haltet die Ohren steif, überlebt Corona und lest gute Bücher.

Na also, es geht doch – ‚The Joker‘

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Ich mag Comics. So einfach ist das. Was ich meistens nicht mag, sind Comicverfilmungen in den beliebten Superheldenuniversen von Marvel und DC. Bevor ich nun auf den aktuell im Kino laufenden ‚Joker‘ eingehen werde, ein paar Worte dazu, weshalb ich mit besagten Verfilmungen oftmals hadere, sie zuweilen sogar als beleidigend empfinde (Ausnahmen gibt es, und die sind dann auch gelungen). Das im Folgenden Geschriebene widerspiegelt allein meine Meinung, soll nicht als letzte und allgemeingültige Wahrheit betrachtet werden. Ich möchte keinem Fan auf den Schlips treten, aber ich fordere jeden heraus, seine Lieblinge einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Auch besteht kein Anspruch auf irgendeine Art von Vollständigkeit, denn über das Thema „Helden“ bzw. „Superhelden“ und ihre Erscheinungsformen in Kunst und Kultur könnte man problemlos mehrere Bücher füllen. Also los, packen wir die Sache an!

In beiden Erscheinungsformen (Comic und Film) geht es beim Thema Superhelden um Machtfantasien und Eskapismus, entweder zum Zweck der reinen Unterhaltung und weils Spaß macht oder als tatsächliche Realitätsflucht. Die Schwierigkeiten, die ich damit habe, liegen nicht beim Inhalt, sondern wie diesem Gestalt verliehen wird. Schon allein ihrer Form wegen weisen Comics eine klar ersichtliche Distanz zum realen Leben auf, dürfen daher auch mal absurd, ja sogar over the top sein und funktionieren trotzdem in ihren Aussagen ohne jemals belehrend zu wirken. Zwischen den rechteckigen Kästen mit ihren statischen, bunten Bildern existiert genügend Freiraum, in den der Leser seine eigenen Überlegungen zur erzählten Geschichte hineinprojizieren kann. Demgegenüber versuchen die Verfilmungen oft krampfhaft Gewinn daraus zu schlagen, dass sie dem Zuschauer suggerieren, die Handlung spiele in unserer tatsächlichen Welt. Eine durchdachte, in sich schlüssige Geschichte wird einer scheinheiligen und einfältigen Moralpredigt untergeordnet, die über soziale Missstände, furchtbare Kriege, Umweltzerstörung und natürlich auch Rassismus informieren will, und das im andauernden Kontrast zu den properen Superhelden in ihren auf Hochglanz polierten, hautengen Kostümen. Irritierend dabei ist, dass besagte formbetonende Kostümierung die weiblichen Superhelden (z.B. Wonder Woman oder Catwoman) in aller Regel als reine Fickfantasie darstellt. Wo bleibt da die Moral? Bei all dem wird das Geschehen mit einem bombastischen orchestralen Soundtrack und der omnipräsenten amerikanischen Flagge im Hintergrund des Bildes bis zum Erbrechen überbetont (besonders penetrant in Sam Raimis ‚Spiderman‘). Die Komplexität schwieriger Themen und das Denkvermögen des Zuschauers werden einfach ignoriert, jede Subtilität in die Tonne gekehrt. Daraus entsteht dann ein lächerlicher Pathos, dessen Ernst und angebliche Wichtigkeit mit der in Hollywood so beliebten Holzhammermethode in die Schädel der Zuschauer geprügelt wird. Dadurch entstehen in meinen Augen vor allem drei Dinge: Oberflächlichkeit, Lächerlichkeit und schließlich gähnende Langeweile.

Zu all dem gesellt sich eine simple schwarz-weiße Mentalität. Wenn man schon Aussagen zu schwerwiegenden Themen macht, dann braucht es Perspektiven und Kontraste, die dem Zuschauer ermöglichen, eigene Denkprozesse zu starten und mit den Informationen zu spielen. Jeder liebt das Spiel mit LEGO-Steinen … was findet ihr besser: ein LEGO-Modell aus hundert oder aus zwei Steinen? Superheldenfilme sind in ihrem Kern sehr oft simpelste LEGO-Modelle mit eben nur zwei Steinen. Es gibt den scheinbar guten Weg der Helden und den bösen der bärbeißigen, stets schlechtgelaunten Miesepeter – und dass die Guten am Ende auftrumpfen werden ist meist auch schon von Beginn an klar. In die selbe eindimensional gestrickte Kerbe schlägt der Entstehungsmythos von Helden und schlimmen Fingern. Die Guten bekommen eine Dosis Radioaktivität im Lutschbonbon serviert und werden über Nacht heilig gesprochen; bei den Bösen löst sich ein Nierenstein, der beim Pipi so richtig weh tut. Das macht sie dann so sauer, dass sie ihre Gesinnung wie einen alten Handschuh umdrehen und sogleich die Ermordung der Welt planen. Hin und wieder bekommen wir wenigstens Antihelden wie Batman, Wolverine oder den Punisher serviert, die mit ihrer persönlichen dunklen Seite im ständigen Kampf liegen, und siehe da, es wird schon interessanter weil vielschichtiger und nicht ganz so vorhersehbar.

Um die oben genannten Schwierigkeiten zu umgehen, gibt es eine grandiose Fähigkeit des Menschen: Selbstironie. Sobald Pathos, übertrieben große Gesten und moralisches Gehabe verulkt werden, eröffnen sich gänzlich neue Perspektiven, die einem Film (oder auch einem Buch oder Comic) eine komplett neue Dimension hinzufügen. Die Brechung von ausuferndem Ernst durch Humor erzeugt, so paradox das auch klingt, eine größere Glaubwürdigkeit von Figuren und Themen. Es liegt ganz einfach in der Natur der Dinge, dass auch im größten Schrecken noch etwas komisches steckt. Marvel hat das mit ‚Guardian of the Galaxy 1‘ und ‚Thor 3‘ bestens bewiesen. Die Charaktere dieser beiden Filme sind um so vieles ehrlicher und echter (daher auch greifbarer) als beispielsweise jene in ‚Avengers: Endgame‘, der in lächerlichem Pathos geradezu ertrinkt und einfach nur noch ermüdend lahm ist. Klar, gut gemacht ist ‚Endgame‘. Ein Feuerwerk an CGI-Effekten kann in der Tat für eine bunte Achterbahnfahrt sorgen. Aber wie das mit diesen Fahrten so ist … wenn sie vorbei sind, bleibt nichts zurück. Obwohl da mit großen Gesten die drohende Vernichtung der Menschheit angerührt wird, ist kein Fetzen Fleisch am Knochen.

Marvel und DC können auch anders, haben in der Vergangenheit mehrmals gezeigt, dass sie fähig sind, gute Geschichten zu erzählen, sowohl dramatische wie auch lustige. Nur sind das in meinen Augen nicht viele. Gerne erinnere ich mich an den ikonischen Actionkracher ‚The Punisher‘ von 1989 mit Dolph Lundgren in der Hauptrolle. ‚X-Men‘ berichtet in durchaus nachvollziehbarer Weise von den Problemen und dem Misstrauen zwischen Menschen und Mutanten. ‚Batman Begins‘ von Christopher Nolan erzählt die Geschichte vom Mann im Fledermauskostüm auf ein intensive, düstere Art, die einen vielschichtigen Antihelden präsentiert. Die schon erwähnten ‚Thor 3‘ und ‚Guardians of the Galaxy‘ sind in ihrem sympathischen Humor einsame Spitze. Aber das sind für mich auch schon alle Superheldenverfilmungen, die ich als wirklich hervorragend betrachte. Einige wie ‚Antman‘, ‚Logan‘, ‚Spider-Man: Into the Spider-Verse‘ (ein Animationsfilm), der erste ‚Avengers‘ und ‚Wonder Woman‘ sind fürs einmalige Anschauen ganz gut und unterhaltsam, obwohl zu guter Letzt nicht viel hängen bleibt. Über den Rest breite ich das rabenschwarze Tuch des Schweigens …

Aber was ist jetzt mit dem ‚Joker‘? Ums gleich vorweg zu sagen: Ich halte ihn für gut, ja sogar richtig großartig! Und das liegt an vielen Dingen. Vereinfacht gesagt macht er alles besser als die anderen Kinoerzeugnisse von Marvel und DC. Um das zu erklären, beginne ich am besten damit, welche Art von Geschichte erzählt wird. Es handelt sich um den Entstehungsmythos des titelgebenden Jokers (schmerzhaft intensiv gespielt von Joaquin Phoenix). Und schon hier zeigt sich, wie durchdacht das Drehbuch von Regisseur Todd Phillipps und Scott Silver geschrieben wurde. Anstelle dem Zuschauer einen Alibigrund wie einen alten Knochen hinzuwerfen, weshalb sich Arthur Fleck (so der weltliche Name des Jokers) vom Pfad der Tugend abwendet, wird klar gemacht, dass es ein banales Konzept wie Gut und Böse in diesem Film nicht gibt. Arthur ist seit seiner Kindheit schwer traumatisiert. Als Mittvierziger lebt er noch immer in der Wohnung seiner kranken Mutter, um die er sich kümmert. Einen Vater gibt es nicht, und so ist er es, der Geld verdienen muss, um mit seiner Mutter über die Runden zu kommen; ein unglücklicher Zustand, da Arthur ebenfalls alles andere als gesund ist. Er leidet daran, dass er oft komplett unpassend und an den falschen Stellen in ein manisches, gequältes, vor allem aber beängstigendes Lachen ausbricht. Diese verkörperte Auswirkung seiner traumatischen Kindheitserlebnisse zu sehen ist gleichzeitig peinlich, traurig und äußerst unangenehm. Irgendwo in diesen manischen Abgründen wurzelt auch seine Überzeugung, er habe Talent für große Comedy. So arbeitet er eher schlecht als recht bezahlt für eine schäbige Agentur, schwenkt als Clown verkleidet Werbeschilder auf der Straße oder unterhält Kinder im Spital. Ab und zu besucht er Comedyshows, notiert sich Witze und absolviert schon mal einen eigenen Auftritt in einem Club. Nur dass all diesen Tätigkeiten jede Leichtigkeit, Lebensfreude oder tatsächlicher Sinn für Humor fehlt. Hinter allem steckt ein schmerzhafter Zwang, den er selbst abends nicht ablegen kann. Denn dann schaut er sich regelmäßig gemeinsam mit seiner Mutter eine Fernsehshow des berühmten Talkmasters Murray Franklin (Robert De Niro) an, in dem Arthur eine Art Wunsch- oder Ersatzvater sieht.

Der zwar triste, aber doch einigermaßen geregelte Lauf des Lebens nimmt für Arthur und seine Mutter eine brutale Kehrtwende, als Arthur mit einer ausgeliehenen Pistole im Affekt einige finanziell sichtlich gut situierte Kerle in der U-Bahn erschießt, die eine junge Frau belästigen. Arthur in seiner Clownsmaske wird damit zum urbanen Rachemythos für die sozial Randständigen, was die allgemein angespannte Stimmung zwischen den gesellschaftlichen Klassen in Gotham City noch weiter anheizt. Im Zentrum all der Unzufriedenheit steht Thomas Wayne (Batmans Vater), der als reiches, unsympathisches Arschloch dargestellt wird. An diesem Punkt bricht Arthurs Welt, die ein ständiger Balanceakt zwischen Stabilität und Kollaps ist, vollends zusammen. Immer stärker wird er von seinen eigenen Ängsten, Zwängen und schließlich auch der Polizei vorwärtsgetrieben. Seine persönliche Sicht der Dinge und Wunschvorstellungen vermischen sich zunehmend mit real stattfindenden Geschehnissen – und das alles erzeugt einen grimmigen Abgrund, in dem sich auch der Zuschauer verliert. Was ist Realität? Was ist Arthurs Wunsch oder Wahn? Seine Handlungen werden immer unkontrollierter und gewalttätiger, eskalieren in einem Gewaltakt gegen seine Mutter, der ihn zu guter Letzt von ihren Fesseln befreit und es ihm erlaubt, sich neu zu erfinden. Wir erleben die Geburt des Jokers.

Die Entstehungsgeschichte des Jokers wird in einer städtischen Welt in Grau- und Brauntöten dargestellt, die mich ständig an Dramen und Krimis aus den 70er und frühen 80er Jahren (z.B. ‚Taxi Driver‘ von Martin Scorsese) erinnert, welche in den düsteren Ecken von New York spielen. Die Kamera guckt auf schmierige, richtig unangenehme Weise. Die Filmmusik erzeugt dazu eine permanente Anspannung, die nur selten gelockert wird und verspricht, dass jeden Moment etwas Schlimmes passieren wird. Sämtliche Menschen in dem Film wirken diffus, zuweilen verloren, so als lebten sie in dem Bereich zwischen Hammer und Amboss, wo man nur zerschlagen werden kann. Licht, Zuversicht oder wenigstens den Funken von Hoffnung gibt es in der Welt des Jokers nicht.

In der Vergangenheit habe ich zu diversen Comicverfilmungen gelesen, dass der Superheldenfilm endlich erwachsen geworden sei. Das war bei „Punisher“, „Batman Begins“ und „Logan“ eine etwas gewagte und nur zu Teilen wahre Aussage, wie ich finde. Aber auf „The Joker“ trifft die Feststellung das erste Mal wirklich zu. Auch wenn er ein richtig harter Brocken ist, kann ich den Film nur empfehlen!

Ein Hoch auf die Müllkäuze

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Was zur Hölle ist ein Müllkauz? Und woher stammt diese sonderbare Kreatur? Bestimmt nicht aus Zamonien, dem Märchen-Kontinent, in dem die Geschichten von Walter Moers spielen. Wo wir gerade bei Moers sind (ich schweife schon früh ab) … falls Du, lieber Leser, ihn noch nicht kennst, dann besorge dir seine Comics, die vom Leben und Leiden des kleinen Arschlochs oder dem Fönig handeln. Außerdem noch viel wichtiger, ja sogar als die heiligste Mission eines jeden beherzten Liebhabers der Phantastik, musst Du besagte zamonische Geschichten lesen, wie etwa „Rumo“, „Die 13,5 Leben des Käpt’n Blaubär“, „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ und all die anderen. Ich selbst habe wegen der Worte, die ich soeben niederschrieb, eine Pause eingelegt um nach dem Buch „Der Schrecksenmeister“ zu greifen, das seit langem im Bücherregal harrt und sich nach einer Menschenhand sehnt, die seine Seiten liebevoll umblättert.

Zurück zu den Müllkäuzen. Es war weder das Werk der Evolution noch das eines Autors, welches diese Lebewesen in die Welt rief, sondern die zuweilen verblüffend spontane Kreativität von Kindern. Das erste Mal nämlich, als ich mit Freunden ganz bewusst eines jener Wesen erblickte, war in den weit zurückliegenden Anfangstagen meiner Schulzeit. In der Ortschaft, in der ich seit damals lebe, gab und gibt es in jeder Dekade zwei oder drei uralte Männer, die nichts mit der geregelten Müllentsorgung zu tun haben, aber trotzdem den lieben langen Tag an den Straßen, Wegen und (fast) geheimen Pfaden entlang pilgern, um die Ränder von Müll zu säubern. In unserer kindlichen Phantasie handelte es sich ausnahmslos um vor sich hinmurmelnde Sonderlinge mit Käfern in den struppigen Bärten und einem blinden Auge, die – wenn man gerade nicht hinsah – kleine Kinder mit Haut und Haar in ihre Mülltüte stopften, des Nachts kichernd durch die Ortschaft schlichen und grundsätzlich dafür verantwortlich waren, wenn Haustiere auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Wir waren sicher, dass diese Greise in alten, zerfallenen Hütten im Herzen des Waldes lebten, in ihren feuchten, moosbewachsenen Kellern abgemagerte Hunde hielten und schon mal Katzen mit Steinen totschlugen, wenn ihnen langweilig war. Aus welchem Grund sie Straßenränder von zerbrochenen Flaschen, Zigarettenstummeln und Chipsverpackungen säuberten machte irgendwie keinen Sinn, befeuerte in unserer Vorstellung aber noch die finsteren Absichten, die jene offensichtlich wahnsinnigen Gestalten eben antrieben.

Wer aus meinem damaligen Freundeskreis diese Männer zum ersten Mal mit einem einzigen prägnanten Wort beschrieb, weiß ich nach über 35 Jahren auch nicht mehr, aber irgendwann war die Bezeichnung einfach da: die Müllkäuze. Lange dachte ich nicht mehr bewusst an sie. Als ich vor kurzem aber während eines Spaziergangs wieder einmal einem begegnete, kamen wir ins Gespräch und die Wahrheit (wie sollte es auch anders sein) gestaltete sich als so ganz anders als die wilden Spekulationen von einst. Und gleich vorweg: es leben keine Käfer im Bart eines Müllkauzes.

Im Grunde genommen zeigt sich hier ein Problem, über das gesellschaftlich viel zu wenig gesprochen wird: was macht man nach der Pension? Wenn man sein liebes Leben lang nur schuftet, sich nie Zeit nimmt um zu reflektieren und sich zu fragen, was man denn so anstellen will, wenn man plötzlich alle Zeit der Welt zur Verfügung hat, dann tauchen unter Umständen einige Schwierigkeiten auf. Da wäre der Mangel einer sinngebenden Tätigkeit, nach der wir uns (bewusst oder unbewusst) alle sehnen. Damit zusammenhängend bestehen weniger soziale Kontakte, zumal einem mit dem Älterwerden unabwendbar Freunde und Familienmitglieder wegsterben. Eine von außen kommende und regulierende Tagesstruktur, die dafür sorgt, dass man aktiv und damit Teil der Welt bleibt, fehlt komplett. Und hier kommt das Einsammeln von Müll ins Spiel. Auf so einfache und doch elegante Weise verbindet es all die oben genannten Schwierigkeiten. Man geht früh morgens aus dem Haus, bewegt sich, tut etwas Sinnvolles für die Umwelt, trifft hin und wieder Menschen, mit denen man einen Schwatz halten kann, und sorgt dafür, dass man Ablenkung und eine grundlegende Form von Zufriedenheit findet. Nur wird das leider selten erkannt und auch geschätzt, viel öfter geschieht es, dass Passanten belustigt die Augen verdrehen.

In diesem Sinne: ein Hoch auf die Müllkäuze, die unentgeltlich viel zur Sauberkeit der Straßen beitragen. Wenn Ihr mal einem in eurer Ortschaft begegnet, dann riskiert die Kontaktaufnahme. Vielleicht ergibt sich auch für euch ein interessantes Gespräch.

The Beastmaster zeigt noch immer Zähne

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In einem Rausch von Nostalgie erwarb ich kürzlich die Blu-Ray von „The Beastmaster“ (1982), einem Fantasyfilm, der in der Welle der Barbarenfilme der 1980er Jahre produziert wurde. Regie führte kein geringerer als Don Coscarelli, der sich zuvor mit „Phantasm“ (1979) und einiges später mit „Bubba Ho-Tep“ (2002) ins Herzen der Horrorfans filmte. „The Beastmaster“ aber stellt für mich persönlich seit meiner Jugend das Highlight in Coscarellis Schaffen dar. Nur wurde mir plötzlich bewusst, dass seit der letzten Sichtung des Films gut und gerne 25 Jahre vergangen waren. Wie war ich also gespannt, zumal ich in letzter Zeit des öfteren die unschöne Feststellung machen musste, dass nostalgische Verklärung oftmals ein Problem darstellt und frühere Lieblingsfilme plötzlich flach und in etwa so lahm wie ein altersschwacher, halbblinder Gaul daherstolpern. Um die Sache noch verworrener zu machen, gibt es aber auch die Fälle, in denen man einen vor Jahren gesehenen Film plötzlich als so viel tiefsinniger erachtet. Eine Band klingt inspirierter als noch vor 17 Jahren. Ein in der Jugend gelesenes Buch, das damals ganz unterhaltsam war, entpuppt sich zwei Dekaden später als inspirierender Meilenstein der Literatur. Warum nur verändert sich unsere Einschätzung ein und der selben Sache andauernd?

Grund hierfür ist (und das sollte niemanden überraschen), dass wir selbst uns im Laufe der Jahre verändern. Unsere sozialen Kontakte, unsere Freizeitbeschäftigungen sowie die Arbeit, persönliche Erlebnisse im In- und Ausland, Erfolge wie Misserfolge, traumatische Konflikte, Heirat, Kinder, der ungeliebte Militärdienst, Todesfälle und Krankheiten, der nicht immer tolle aber natürliche Prozess des Alterns … schlicht alles beeinflusst und verändert uns Tag für Tag. Natürlich fühlt sich das für uns nicht so an, weil unser Hirn aus unserem Leben und allen Geschehnissen (auch den zufälligen) eine Geschichte zimmert, die ein großes Narrativ (unsere Identität) zusammenhält. Nur dass es dieses Narrativ in einer festen, stets gleichbleibenden Form nicht gibt. Trotzdem ermöglicht diese Funktionsweise des Gehirns, dass wir Dingen einen Sinn verleihen können, dass wir das Konzept von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verstehen und fähig sind, über den Tellerrand zu blicken. Aber ich schweife ab und möchte nicht weiter auf dieses wirklich sehr komplexe, spannende Thema eingehen. Wer sich für Identitätsbildung interessiert, dem lege ich uneingeschränkt das Sachbuch „Und ich?“ von Paul Verhaeghe ans Herz. Es ist in vielerlei Hinsicht ein Augenöffner. Jetzt aber zurück zum Film. Disc einlegen. Starttaste drücken …

Was haben ein Adler, zwei diebische Frettchen und ein schwarzer Tiger (ein regulärer Tiger, der für die Dreharbeiten schwarz angepinselt wurde) gemeinsam? Richtig … sie sind die Freunde von Dar (Marc Singer), dem Herrn der Tiere oder eben Beastmaster. Er ist der unbekannte Sohn von König Zed, welcher einst sein Königreich von schwarzer Magie säubern wollte. Wenn das Gute den Besen schwingt, dann führt das dazu, dass das Böse die Zähne fletscht. Und so erleben wir, wie der garstige und ständig mies gelaunte Hohepriester Maax (Rip Torn) den alten König gefangen nehmen, blenden und in einen feuchten Kerker werfen lässt.

Dar indes wächst in einem idyllischen Bauerndorf auf, lernt während vieler Jahre den Umgang mit dem Schwert, posiert immer mal wieder mit muskulös geschwellter Brust und findet nebenbei heraus, dass er über eine spezielle Begabung verfügt: er kann mit Tieren kommunizieren. Als eines Tages die Juns, eine brutale Horde reitender Krieger, die mit Hohepriester Maax verbündet sind, das Dorf niederbrennt, macht sich Dar auf den steinigen Pfad der Rache. Nebst seinen tierischen Freunden trifft er auf die wunderschöne Tempelsklavin Kiri (Tanya Roberts), in die er sich verguckt, und er lernt den dunkelhäutigen Krieger Seth und den jungen Tal kennen, die ebenfalls eine gesalzene Rechnung mit dem Schlingel Maax offen haben.

Der alte König, auch nicht gerade ein Ausbund an Freundlichkeit, wird aus seiner langjährigen Gefangenschaft befreit. Das führt zu familiären Konflikten, bösen Worten und Beleidigungen unter der Gürtellinie. Und schließlich finden sich alle zum Finale in der Stadt des Königs ein, wo Maax zum Zeitvertreib immer mal wieder von einer Tempelpyramide kleine Kinder in ein Feuer wirft … was man eben so macht, wenn man sich mit schwarzer Magie befasst. Das alles rettet Maax aber nicht vor Dars Rache, er landet selber in den Flammen, und damit die Sache auch wirklich ein für alle Mal ausgestanden ist, wird den Juns, diesen reitenden Scheißkerlen, in einer beeindruckenden Schlacht ebenfalls der Garaus gemacht.

Um nicht lange um den heißen Brei herumzureden … ich liebe den Film mehr denn je. Ja, die Geschichte ist einfach gestrickt und nicht sonderlich kreativ. Ja, die Spezialeffekte sind billig und problemlos zu entlarven. Ja, es ist der alte Kampf zwischen Gut und Böse, in dem das Gute unbedingt gewinnen muss. Aber „The Beastmaster“ hat etwas, das vielen modernen Filmen fehlt: er hat ein Herz, und das ist so groß wie ein Wolkenkratzer. Der Held Dar, verströmt Charme, Mut und Schmiss, ist stark und tapfer, darf aber auch mal weinen. Seine Fähigkeit, mit Tieren zu kommunizieren, klingt wie ein naiver Kindertraum, passt aber zu Dar und seiner Aufrichtigkeit. Die Tempelsklavin Kiri ist zwar eine Augenweide und zeigt nackte Haut, trotzdem symbolisiert sie mehr als nur die Lust am Fleisch. Maax ist übertrieben böse, doch seine Absichten wirken echt und motiviert. „The Beastmaster“ funktioniert so gut, weil er unprätentiös ist und gar nicht erst versucht, mehr zu sein, als er ist. Seine Figuren sind im Kern allesamt Menschen mit menschlichen Bedürfnissen. Ich nehme ihnen ganz einfach ab, nach was sie sich sehnen und was sie erleben. Und das ist es, was so vielen Filmen und Büchern fehlt: Charaktere, denen man glaubt, ja sogar glauben will.

Von mir erhält „The Beastmaster“ das Gütesiegel. Wenn ihr den Film in eurer Kindheit oder Jugend mochtet, dann schaut ihn euch ruhig auch als erwachsene Person noch einmal an. Und wenn ihr ihn noch nicht kennt, dann gebt ihm eine Chance. Ich bin der Meinung, dass er es mehr als wert ist.

Neues Lesefutter von Clive Barker

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Es dauert stets lange, bis von Horror-Poet Clive Barker Lebenszeichen zu sehen bzw. zu lesen sind. Im vorliegenden Fall handelt es sich aber nicht etwa um eine neue Erzählung, sondern um die geplante Veröffentlichung zweier alter Novellen, die in einem Buch vereint sein werden: TORTURED SOULS (2001) und INFERNAL PARADE (2004). Die beiden Texte schrieb Barker zu zwei Serien von Action-Figuren, an denen er in kreativen und schöpferischen Belangen beteiligt war.

Inhaltsangabe (Quelle: Buchheim Verlag):
TORTURED SOULS erzählt von der legendären ersten Stadt Primordium, in der das uralte Wesen Agonistes seine Bittsteller durch Magie und Schmerzen einer bizarren, qualvollen Transformation unterzieht.
INFERNAL PARADE berichtet von dem verurteilten Verbrecher Tom Requiem, der die titelgebende Höllen-Parade zur mythischen Stadt Krantica anführt.
Elegant komponiert und witzig erzählt sind beide Geschichten typische Werke des visionären Künstlers und modernen Meisters Clive Barker.

Das Buch wird voraussichtlich im Februar 2020 im noch jungen Buchheim Verlag erscheinen, der sich innerhalb der Horror-Szene einen guten Namen mit hochwertigen, schön bebilderten Büchern erarbeiten konnte. Vorbestellungen können bereits jetzt im Online-Shop des Festa Verlags getätigt werden. Einziger Wermutstropfen: die meiner Meinung nach verachtenswerte Limitierung (999 Stück) und der dadurch entstehende hohe Preis von rund 37 Euro für ca. 180 Seiten (darüber, dass bei Limitierungen das Sucht- und Sammelverhalten von Menschen kalkuliert ausgenutzt wird, habe ich in „Der Abo-Wahn greift um sich“ schon ausführlich geschrieben).

Über einen Sekundäreffekt von Limitierungen, der unbedingt von Verlagsbetreibern beachtet werden sollte, schrieb ich damals noch nicht. Daher hole ich das jetzt nach: Limitationen limitieren gleichzeitig die Möglichkeit, dass ein Autor einen größeren Bekanntheitsgrad erreichen kann. Wenn man sich mal vor Augen hält, was alles dazugehört, damit ein Autor sich gut verkauft, bekannt wird und über Jahre hinweg hochwertige Literatur produziert, dann erscheint es vergleichsweise einfach, eine Rakete ins All zu schießen. Eine gute Geschichte muss es sein, die viele Leser anspricht und einen gewissen Zeitgeist trifft. Werbung hilft massiv. Ein Buch muss an allen möglichen Orten aufliegen, damit möglichst viele Leute es überhaupt erst zu Gesicht bekommen. Positive Reviews müssen in großer Menge publiziert werden. Bei all dem dürfen Motivation und Kreativität des Autors nie abbrechen, denn heute gibt es einen solchen Überfluss an Veröffentlichungen, dass man sehr schnell vergessen wird. Am besten sollte eine Erzählung als Print, Ebook und Audiobook erscheinen, und wenn dann auch ein Hörspiel produziert wird … umso besser. All diese komplexen, vor allem aber über weite Strecken unberechenbaren Dinge können nicht garantieren, dass ein Roman zum Bestseller und der Autor zu einem bekannten Autor wird.

Um beim Vergleich mit der Rakete, die ins All geschossen wird, zu bleiben: Wenn ein Verlag auf Limitierungen setzt, dann ist das in etwa so, als ob man entscheidet, die Rakete nur mit halbvollem Tank zu starten. Verlage wie Festa, Edition Phantasia oder eben Buchheim sabotieren sich dabei aber nicht selbst, denn es gibt ja genügend Fans, die ihre limitierten und signierten Bücher selbst für die haarsträubendsten Preise kaufen. Sie sabotieren auf lange Sicht den Künstler. Eine winzige Auflage trägt nichts dazu bei, dass neue Leser gefunden werden können (das Geld, das ein Autor für 1000 verkaufte Exemplare erhält, ist kaum ein Monatslohn). Limitierung hilft vor allem dem Verlag und bedient den Fan. Damit mich niemand falsch versteht: Grundsätzlich schätze ich die oben genannten Verlage. Sie haben einiges in der Szene bewirkt und ich besitze zwangsläufig viele ihrer oft teuren Veröffentlichungen. Aber jedes Mal, wenn ich ein limitiertes Buch erstehe, ist da ein bitterer Nachgeschmack mit dabei. Ich muss unnötig viel Geld ausgeben, das Buch steht nach der Lektüre jahrelang im Regal und verstaubt, ich kann meinen Kumpels nicht davon erzählen, weil es längst vergriffen ist, und zu all dem geht der Großteil des Geldes nicht einmal an den Künstler, der es eigentlich verdient hätte.

Falls du, lieber Leser, Clive Barker noch nicht kennst, jetzt aber neugierig geworden bist und etwas von ihm lesen willst, dann schlage ich folgendes vor: Verzichte auf TORTURED SOULS und INFERNAL PARADE. Kaufe dir anstelle dessen die folgenden beiden Bücher von ihm: CABAL und GEWEBTE WELT als Taschenbuchausgabe der Edition Phantasia. Diese beiden Titel sind im normalen Buchhandel oder bei jedem Onlineversand erhältlich, kosten zusammen in etwa so viel wie das neue Buch mit den beiden Novellen und bieten auf über 900 Seiten unvergessliche Horrorlektüre. Und wenn du dann richtig scharf auf Barker geworden bist, besorge dir die sechs BÜCHER DES BLUTES (Kurzgeschichten), DAS HAUS DER VERSCHWUNDENEN JAHRE (zur Zeit nur antiquarisch erhältlich) und all die anderen Werke dieses Ausnahmekünstlers. Du wirst es nicht bereuen.