Was zum Geier ist mit Horror eigentlich gemeint?

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Mit Horror ist das so eine Sache. Jeder weiß, dass es um Dinge geht, die einem an die Nieren gehen, die verdammt unangenehm sein können und schon mal dazu führen, dass man die Hände schützend vors Gesicht hält. Eine kurze Suche auf Google liefert folgende wenig aussagekräftige Ergebnisse: „Aus Erfahrung geborener Schrecken“ oder „Zustand, der durch etwas Erschreckendes hervorgerufen wird“. Das sind unbefriedigende Allgemeinplätze, die im Grunde genommen nur das Offensichtliche aussprechen. So wundert es nicht, dass die Frage nach der persönlichen Bedeutung von Horror immer wieder auftaucht, entweder in persönlichen Gesprächen, in Literatur- oder Filmforen, Interviews und etwas seltener in Artikeln. Und immer ist die Bandbreite an Meinungen, Erklärungen und Überzeugungen so zahlreich und bunt wie eine blühende Blumenwiese im Frühling. Die einen argumentieren, dass ein übernatürliches Element zwingend erforderlich ist. Andere sind überzeugt, dass es ganz einfach um Dinge geht, die Angst in uns erzeugen und uns mit den dunkelsten, abartigsten Seiten des Lebens konfrontieren. Und wieder andere beharren darauf, dass nur ein exzessives Blutvergießen die Bezeichnung „Horror“ tragen darf.

Seit Jahren kommen und gehen Momente, in denen mich diese Frage ebenfalls beschäftigt, obwohl ich einengende Schubladen wie Komödie, Thriller oder eben Horror gar nicht mag. Eine einfache Antwort indes fand ich nie. Trotzdem will ich in diesem Essay versuchen, meine persönliche Definition aufs virtuelle Papier zu bringen. Wer weiß … vielleicht überrasche ich mich ja selbst mit ein paar neuen Erkenntnissen.

Ausschlaggebend für mein aktuelles Sinnieren über die Bedeutung von Horror ist der Tod meines Vaters vor ein paar Tagen und sein langjähriger, unsagbar schmerzhafter Kampf gegen den Krebs. Wie intensiv und traurig ein solcher Kampf (viel passender: Realhorror) ebenfalls für die Familienangehörigen ist, versteht wohl jeder, der Ähnliches schon erlebt hat. Um eine Definition zu finden, macht es also möglicherweise Sinn, mir erst einmal Gedanken zu den Dingen zu machen, denen das Prädikat „Horror“ im Allgemeinen zugeschrieben wird. Auf der einen Seite finden sich Erzeugnisse der Kunst, des lustvollen Spielens mit grimmigen Ideen, während auf der anderen die finsteren Seiten des ganz gewöhnlichen Alltags auf unserem kleinen, blauen Planeten stehen.

In Bezug auf Filme, Romane, Hörspiele und andere Arten der Formgebung gibt es eine erstaunliche Menge an Spielplätzen, auf denen gespielt wird. Im Folgenden will ich einige dieser Plätze aufzeigen, die mir gerade spontan einfallen, zudem gibt es viele Fälle, in denen die Grenzen verschwinden. Die Aufzählung ist daher alles andere als komplett. Auch werde ich nicht tief in die einzelnen Subgenres eintauchen um sie zu analysieren, denn das würde den Rahmen dieses Artikels bei Weitem sprengen.

Da hätten wir beispielsweise die klassische, oftmals von christlichen Motiven geprägte Geistergeschichte, die auch im 21. Jahrhundert noch immer beliebt ist. Vermutlich bietet die zugrunde liegende Unterteilung in gute und böse Kräfte eine Form von Sicherheit im Angesicht einer Bedrohung. Entweder steht man auf der einen oder der anderen Seite – ein kompliziertes Dazwischen gibt es nicht. Die wiederkehrenden Rache-, Sühne- oder Erlösungsmotive bieten einen kulturell vertrauten Boden, auf dem man sich nicht gänzlich verlieren kann. Ich konnte wegen ihrer Vorhersehbarkeit nie viel mit der europäischen oder amerikanischen Geistergeschichte anfangen, allerdings liebe ich die japanische Variante, die so erfolgreich im Film „Ringu“ von Regisseur Hideo Nakata dargestellt wird. Zahlreiche asiatische Kopien dieses Meisterwerks haben leider ziemlich ernüchternd aufgezeigt, dass die Grenzen der Kreativität auch hier furchtbar schnell erreicht sind.

Während Geister meist eine spirituelle Bedrohung darstellen, geht es im Slashergenre weitaus körperlicher zu und her. Obwohl der Slasher wahrscheinlich nie wieder die Erfolge der 80er Jahre erreichen wird, gehört er zum regelmäßigen Gast im Horrorzirkus. Maskierte Mörder, das genüssliche Abschlachten einer Gruppe junger Leute, das Rätseln nach der Identität des oder der bösen Buben, Verfolgungsjagden in finsteren Wäldern, vorehelicher Sex, der bestraft werden muss, markante Mordinstrumente, die Jungfrau, die als einzige überlebt … So vielfältig die Werkzeuge in diesem Sandkasten auf den ersten Blick erscheinen, werden die geltenden Regeln viel zu oft mit religiösem Eifer eingehalten. Als Teenager hatte ich in den 80er Jahren eine Menge Spaß mit „Freitag der 13.“ und all den Ablegern. Als Erwachsener jedoch langweilen sie mich. Heutzutage erachte ich diejenigen Slasher als erfolgreich, die mit Konventionen spielen und Überraschungen auf Lager haben. Oft sind es kleine Veränderungen, die ein ganz anderes Erlebnis erzeugen, wie Adam Wingard in seinem Film „You’re next“ beweist. Er verändert die Dynamiken der Charaktere, und das nimmt dem Film die Vorhersehbarkeit, macht ihn frisch.

Ebenfalls im Hier und Jetzt angesiedelt sorgt Tierhorror dafür, dass wir uns beim Schwimmen oder einem Spaziergang im Wald beim leisesten Geräusch, dessen Ursprung wir nicht gleich identifizieren können, besorgt nach dem gesichtslosen Erzeuger umsehen. „Der weiße Hai“ vermiest seit Jahren Jung und Alt die Freude am Meer, „Backcountry“ macht deutlich, dass die leidenschaftliche Umarmung eines Bären ungesund ist, während der Roman „Cujo“ von Stephen King unmissverständlich erklärt, dass mit tollwütigen Hunden nicht gut Kirschen essen ist. In richtig gut gelungenen Fällen des Tierhorrors wird die Natur zum existenzialistischen Spiegel, in dem Protagonisten (sowie Leser bzw. Zuschauer) etwas über sich selbst erfahren können.

Kommen wir zu zwei meiner persönlichen Favoriten: Bodyhorror und psychologischer Horror. Im Grunde genommen handelt es sich hierbei um die beiden Seiten der selben Münze. Sie erzeugen Angst vor unserem eigenen mutierenden, sich verändernden Körper oder eben Geist, dem wir nicht länger trauen können. Was gibt es schon Schlimmeres, als wenn wir uns vor uns selbst fürchten müssen, weil wir nicht länger die volle Kontrolle über unser Denken und Handeln haben und unserer Wahrnehmung nicht länger trauen können? Was, wenn wir nicht mehr als Zuschauer in unserem eigenen Kopf sind? Lang leben Schaffende wie David Cronenberg, David Lynch und Shin’ya Tsukamoto. Ihr habt mir viele grauenerregende, tiefgründige Alpträume beschert.

Oftmals etwas weniger tiefgründig geht es im Reich der Monster zu und her. Klassiker wie Dracula und Frankenstein kennen wohl viele aus unzähligen Variationen. Was den Einfallsreichtum der Schaffenden in diesem Subgenre betrifft, kennt die Fantasie aber wahrlich keine Grenzen. Durch Radioaktivität erzeugte Zombies, schuppige Kreaturen der Tiefsee, mutierte Tiere oder Menschen, außerirdisches Sternengezücht auf Nahrungssuche, Godzilla und King Kong, tentakelbewehrte, sabbernde Wüstlinge, die Zenobiten von Clive Barker, aus Laboren ausgebüxte Mutanten mit Lust auf Frischfleisch und so viele mehr machen die Leben gewöhnlicher Bürger zuweilen unerträglich. Mit Monstern im weitesten Sinne habe ich meist viel Spaß, aber es braucht schon Jahrhundertwerke wie „Hellraiser“ oder „Alien“, damit ich mich zu fürchten beginne.

Der Autor H. P. Lovecraft schuf mit seinem literarischen Werk vor über 100 Jahren das Subgenre des kosmischen Horrors, dem der Mensch nichts entgegenzusetzen hat. Die Protagonisten werden in Lovecrafts Geschichten zu bloßen Zeugen mit nur scheinbaren Handlungsmöglichkeiten reduziert. Sie verfallen langsam aber sicher dem Wahnsinn, während sie ein entdecktes Mysterium zu verstehen versuchen. Das Grauen aus einer anderen Welt ist für Menschen nicht verständlich, es fehlen durchschaubare Motivationen und Absichten, und so gebiert totales Unverständnis Horror, nackten Wahnsinn und schließlich Tod. Während ich H. P. Lovecrafts Schreibstil und seine Charaktere nicht wirklich mag, fasziniert mich das Konzept seines Werkes ungemein. Wie eine geschätzte Million literarische und filmische Ableger bis zum heutigen Tag zeigen, geht es vielen anderen kreativen Köpfen genauso, die sich den kosmischen Horror als Spielplatz ausgesucht haben. Zumindest für eine Weile, bis sie ihre eigene Stimme finden.

Nun beenden wir unseren Ausflug in die Weiten des Kosmos, kehren zurück und landen in den dunklen, feuchten Kellern des Tortureporn. Ein Subgenre, das Folter, Ekel und eine oftmals misogyne Grundhaltung zu meist nichts anderem als reinem Selbstzweck zelebriert. Ich kann verstehen, dass es sich wie ein Härtetest anfühlen mag, sich mit einem solchen Werk zu befassen. Aber wenn ich Meinungen lese, in denen Käufer ein Buch „geil“ finden, weil Frauen gefoltert und dann zerstückelt werden, dann kommt bei mir die eine oder andere Frage auf. Ist das alles, was das Buch oder der Film bietet? Oder ist der Leser bzw. Zuschauer nur empfänglich für Grobschlächtigkeiten und hat die Story nicht verstanden? Ist da überhaupt eine Geschichte? Und was bitteschön hat das noch mit Kunst zu tun? Wird hier ein Medium nur noch missbraucht, um die niedersten Triebe zu befriedigen und Geld damit zu verdienen, weil es gerade en vogue ist? Falls ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe: Meiner Meinung nach sollte man die Erschaffer solchen Schrotts in ihre eigenen Geschichten stecken und dort vergessen.

Über all diesen fiktiven, erdachten Welten steht das, was wir gemeinhin als Realität oder das echte Leben bezeichnen. Und auch hier finden sich Geschehnisse und Dinge, die wir ohne auch nur eine Sekunde zu zögern als nackten Horror bezeichnen. Kriege, Hungersnot, weltweite Pandemien (wie aktuell die Covid-19 Krise), schwere körperliche und geistige Krankheiten, der Tod von geliebten Personen, unsere persönlichen Ängste, Arbeitslosigkeit und so vieles mehr, das uns schweißtreibendes Grauen beschert. Wo finden sich Schnittpunkte zwischen der Realität und den Erzeugnissen von Bildhauern, Autoren, Regisseuren und Malern? Schließlich muss es solche geben, denn das Leben beeinflusst die Kunst und diese wiederum das Leben. Wo begegnen sich Schein und Sein? Und verbirgt sich hier irgendwo eine Antwort auf die Frage, was Horror nun wirklich ist?

An dieser Stelle ließ ich das Essay einige Tage liegen, weil mir einfach nichts einfallen wollte, das mir genügend interessant erschien, um es aufzuschreiben. Aber heute Abend, während ich den Text abermals las, dazu eine Pizza Piccante aß und nachdachte, fiel der Groschen endlich.

Reduziert man die Subgenres sowie den realen Horror auf ihre innerste Essenz, so stößt man unweigerlich (etwas pragmatisch ausgedrückt) auf Reise und Krieg – wie bei Homers „Odyssee“ und „Illias“. Ein langer, harter Weg muss beschritten, eine unmögliche Schlacht geschlagen werden. Es geht also um Veränderung, genauer: um eine unkontrollierbar erscheinende Veränderung, die uns aufgezwungen wird und die unser Leben bedroht. Und weil wir uns beim Lesen bzw. Filme gucken in der Handlung oder den Charakteren gespiegelt sehen, erleben wir beim Genuss dieser Medien die Sinneseindrücke von Horror. Der Mensch liebt stabile Zustände, sie bedeuten Sicherheit, Gesundheit, Leben. Nimmt man ihm die Stabilität und bedroht damit seine Existenz, dann entsteht das Gefühl, das wir so leichtfertig als Horror bezeichnen. Es ist die Notwendigkeit, auch im Angesicht des tiefsten aller Abgründe weitermachen zu müssen. Es ist nichts anderes als eine Liebeserklärung an das Leben, an die Natur, an den Zustand des Seins im ständig drohenden Angesicht des Nichtseins.

Horror … was für ein unglücklicher Begriff. Einerseits umfasst er viel zu viele Dinge, ist andererseits auch abhängig von der Person, die ihn erlebt oder eben nicht erlebt. Nicht jeder fürchtet sich vor den gleichen Dingen. Was wir erleben, welche Proben wir meistern oder wo im Leben wir scheitern … all das prägt uns, gibt oder nimmt uns Sicherheit in allen möglichen Situationen. In jeder Sekunde verändern wir uns, ob wir das nun wollen oder nicht. Um wirklich sinnvolle Diskussionen über Romane, Filme, Hörspiele, Bilder oder das Leben selbst zu führen, müssen wir uns von so unpräzisen Begriffen wie „Horror“ lösen und anders zu kommunizieren beginnen. Wir können das. Ich weiß es. Und jetzt ist fertig lustig! Ich will mein Dessert. Gute Nacht euch allen.

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