Ein Hoch auf die Müllkäuze

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Was zur Hölle ist ein Müllkauz? Und woher stammt diese sonderbare Kreatur? Bestimmt nicht aus Zamonien, dem Märchen-Kontinent, in dem die Geschichten von Walter Moers spielen. Wo wir gerade bei Moers sind (ich schweife schon früh ab) … falls Du, lieber Leser, ihn noch nicht kennst, dann besorge dir seine Comics, die vom Leben und Leiden des kleinen Arschlochs oder dem Fönig handeln. Außerdem noch viel wichtiger, ja sogar als die heiligste Mission eines jeden beherzten Liebhabers der Phantastik, musst Du besagte zamonische Geschichten lesen, wie etwa „Rumo“, „Die 13,5 Leben des Käpt’n Blaubär“, „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ und all die anderen. Ich selbst habe wegen der Worte, die ich soeben niederschrieb, eine Pause eingelegt um nach dem Buch „Der Schrecksenmeister“ zu greifen, das seit langem im Bücherregal harrt und sich nach einer Menschenhand sehnt, die seine Seiten liebevoll umblättert.

Zurück zu den Müllkäuzen. Es war weder das Werk der Evolution noch das eines Autors, welches diese Lebewesen in die Welt rief, sondern die zuweilen verblüffend spontane Kreativität von Kindern. Das erste Mal nämlich, als ich mit Freunden ganz bewusst eines jener Wesen erblickte, war in den weit zurückliegenden Anfangstagen meiner Schulzeit. In der Ortschaft, in der ich seit damals lebe, gab und gibt es in jeder Dekade zwei oder drei uralte Männer, die nichts mit der geregelten Müllentsorgung zu tun haben, aber trotzdem den lieben langen Tag an den Straßen, Wegen und (fast) geheimen Pfaden entlang pilgern, um die Ränder von Müll zu säubern. In unserer kindlichen Phantasie handelte es sich ausnahmslos um vor sich hinmurmelnde Sonderlinge mit Käfern in den struppigen Bärten und einem blinden Auge, die – wenn man gerade nicht hinsah – kleine Kinder mit Haut und Haar in ihre Mülltüte stopften, des Nachts kichernd durch die Ortschaft schlichen und grundsätzlich dafür verantwortlich waren, wenn Haustiere auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Wir waren sicher, dass diese Greise in alten, zerfallenen Hütten im Herzen des Waldes lebten, in ihren feuchten, moosbewachsenen Kellern abgemagerte Hunde hielten und schon mal Katzen mit Steinen totschlugen, wenn ihnen langweilig war. Aus welchem Grund sie Straßenränder von zerbrochenen Flaschen, Zigarettenstummeln und Chipsverpackungen säuberten machte irgendwie keinen Sinn, befeuerte in unserer Vorstellung aber noch die finsteren Absichten, die jene offensichtlich wahnsinnigen Gestalten eben antrieben.

Wer aus meinem damaligen Freundeskreis diese Männer zum ersten Mal mit einem einzigen prägnanten Wort beschrieb, weiß ich nach über 35 Jahren auch nicht mehr, aber irgendwann war die Bezeichnung einfach da: die Müllkäuze. Lange dachte ich nicht mehr bewusst an sie. Als ich vor kurzem aber während eines Spaziergangs wieder einmal einem begegnete, kamen wir ins Gespräch und die Wahrheit (wie sollte es auch anders sein) gestaltete sich als so ganz anders als die wilden Spekulationen von einst. Und gleich vorweg: es leben keine Käfer im Bart eines Müllkauzes.

Im Grunde genommen zeigt sich hier ein Problem, über das gesellschaftlich viel zu wenig gesprochen wird: was macht man nach der Pension? Wenn man sein liebes Leben lang nur schuftet, sich nie Zeit nimmt um zu reflektieren und sich zu fragen, was man denn so anstellen will, wenn man plötzlich alle Zeit der Welt zur Verfügung hat, dann tauchen unter Umständen einige Schwierigkeiten auf. Da wäre der Mangel einer sinngebenden Tätigkeit, nach der wir uns (bewusst oder unbewusst) alle sehnen. Damit zusammenhängend bestehen weniger soziale Kontakte, zumal einem mit dem Älterwerden unabwendbar Freunde und Familienmitglieder wegsterben. Eine von außen kommende und regulierende Tagesstruktur, die dafür sorgt, dass man aktiv und damit Teil der Welt bleibt, fehlt komplett. Und hier kommt das Einsammeln von Müll ins Spiel. Auf so einfache und doch elegante Weise verbindet es all die oben genannten Schwierigkeiten. Man geht früh morgens aus dem Haus, bewegt sich, tut etwas Sinnvolles für die Umwelt, trifft hin und wieder Menschen, mit denen man einen Schwatz halten kann, und sorgt dafür, dass man Ablenkung und eine grundlegende Form von Zufriedenheit findet. Nur wird das leider selten erkannt und auch geschätzt, viel öfter geschieht es, dass Passanten belustigt die Augen verdrehen.

In diesem Sinne: ein Hoch auf die Müllkäuze, die unentgeltlich viel zur Sauberkeit der Straßen beitragen. Wenn Ihr mal einem in eurer Ortschaft begegnet, dann riskiert die Kontaktaufnahme. Vielleicht ergibt sich auch für euch ein interessantes Gespräch.

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